Geschichte Agadir

Agadir - Historischer Park

Jardin de Olhão




Übersicht

Agadir - alte Karte

Karte von Agadir aus dem Jahr 1885 - Bildquelle: Wikipedia (Public domain)



Bevor ich mit den Recherchen zu diesem Artikel begann, glaubte ich, dass die Vorgeschichte der Stadt Agadir nur wenig hergeben würde. Das liegt insbesondere daran, dass die heutige Stadt so modern und eher untypisch für ein orientalisches Land wirkt und es kaum bauliche Hinterlassenschaften gibt, die einen Hauch von Geschichte erahnen lassen außer der Kasbah (Agadir Oufella), von der allerdings auch nur noch die Außenmauern stehengeblieben sind. Doch je mehr ich mich in die Historie der Stadt vertiefte, um so deutlicher sind mir die Beziehungen aufgefallen, die Europa mit diesem Ort verbunden haben und die selbst heute noch bestehen bzw. durch den Tourismus noch ausgeprägter sind. Diesen Spuren bin ich hier nachgegangen und der folgende Bericht ist dabei entstanden....!

 

Map Agadir


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Geschichte Agadir

Heinrich der Seefahrer (1394 - 1460)

Maler: Nuno Gonçalves (Mitte des 15. Jahrhunderts) - Bildquelle: Wikipedia (Public domain)


Dem als Heinrich der Seefahrer in die Geschichte der Seefahrt und Entdeckungen eingegangenen Infanten Dom Henrique de Avis, Sohn des potugiesischen Königs Johann I. (1357 - 1433) und seiner Frau Philippa of Lancaster (1360 - 1415) verdankt die Welt die Entdeckung des Seewegs entlang der Westküste von Afrika. Er wurde am 4. März 1394 in Porto (Portugal) geboren und war der vierte Sohn des portugiesischen Königs Johann I.. Die unter seiner Leitung durchgeführten Entdeckungsfahrten entlang der westafrikanischen Küste begründeten die portugiesische See- und Kolonialmacht. Gil Eanes war der erste portugiesische Kapitän, der das bis dahin als Ende der Welt und auch als Kap des Schreckens, Kap der Angst oder Kap ohne Wiederkehr gefürchtete Kap Bojador 1434 überquerte und auch sicher wieder zurückkam.

 

Kap Bojador

Karte von Westafrika (16. Jahrhundert)

Bildquelle: Wikipedia (gemeinfrei)


Das Kap Bojador liegt an der Nordwestküste Afrikas, südlich der Kanarischen Inseln und gehört zur heutigen Westsahara (ehemals Spanisch Sahara - Kolonie). Mit dieser Entdeckung war der Bann gebrochen, nun konnte man zu weiteren Erforschungen südlich dieses Punktes aufbrechen. Letztendlich öffnete sich auch die Tür zum Weg nach Indien, der um Afrika herum führte. Bereits 1419 wurde die Insel Madeira entdeckt und in den Jahren von 1427 bis 1432 segelten die Schiffe Heinrichs des Seefahreres zu den Azoren (Wiederentdeckung?), die nun auch besiedelt wurden. Zuvor - 1415 - eroberte eine Flotte unter seiner Führung die nordafrikanische Stadt und Festung Ceuta, wonach er den Titel "Herzog von Viseu" verliehen bekam. Zwischen 1434 und 1446 erreichten 50 portugiesische Karavellen den Fluss Senegal (1086 Kilometer lang).

 

Gold und Sklaven

Fort Arguin - Mauretanien

The colonial fort at Arguin Island, Mauritania, Westafrika - Bildquelle: Wikipedia (gemeinfrei)


Weiterhin siedelten sich im Jahr 1445 Portugiesen auf der Insel Arguin (heute Mauretanien) an und brachten von hier Gold und Sklaven mit zurück. 1448 errichteten sie hier ihre erste Festung. In der Mitte des 15. Jahrhunderts kam es zum Streit zwischen Spanien und Portugal, weil Heinrich sich bemühte, die Kanarischen Inseln in portugiesischen Besitz zu bringen. Nach vorausgegangenen diplomatischen Verhandlungen mit Kastilien - die Spanier waren mit seinen Forderungen nicht einverstanden - bemühte er 1433 den Papst als Vermittler zwischen den beiden katholischen Ländern, Portugal das Recht zur Besetzung dieser Inselgruppe einzuräumen. Papst Eugen IV., geboren in 1383 in Venedig, gestorben am 23. Februar 1447 in Rom, war zu dieser Zeit mit weitaus anderen Fragen beschäftigt, als das er hier den Streit zwischen den beiden Staaten gerecht regeln konnte, verfügte, dem Ersuchen Heinrichs des Seefahreres stattzugeben.

 

Essaouira

Ehemaliges portugiesisches Konsulat, das Gebäude stammt aus dem Jahr 1871


Nach weiteren Streitigkeiten zwischen Portugiesen und Spaniern um die Besitzrechte an der Atlantikküste, teilte 1456 der aus Valencia (Spanien) stammende Papst Kalixt III. (lat.: Calixtus; 1378 - 1458), eigentlicher Name Alonso de Borja (Borgia), den portugiesischen Händlern das Land südlich des Kap Bojador und den Spaniern das Land nördlich des Kap Bojador zu. Der im Dienste des portugiesischen Infanten Heinrich des Seefahrers stehende italienische Seefahrer Alvise Cadamosto entdeckt 1456 mehrere der Kapverdischen Inseln, die beiden östlichen Boa Vista und Maio sowie die Hauptinsel Santiago. Heinrich der Seefahrer starb am 13. November 1460 in Villa do Infante bei Sagres (Südportugal).


 

Machtansprüche Portugals

Sidi Ifni - Santa Cruz del Mar Pequeña

...ehemaliges spanisches Konsulat....


Die Portugiesen bauten nun kontinuierlich ihre Machtansprüche südlich des Cap Bojador aus, vergaßen dabei aber nicht, auch den eigentlich den Spaniern zugesprochenen Teil nördlich dieser Linie in ihr Kalkül mit einzubeziehen. Diese hatten um 1447 eine kleine Niederlassung an der Mündung des Qued Massa gegründet. Eine weitere spanische Gründung in diesem Bereich von Marokko erfolgte etwas weiter südlich um 1476, als der Gouverneur der Kanarischen Inseln, der Spanier Diego de García Herrera, einen Stützpunkt für Sklavenjagden und Fischerei hier gründete und ihn Santa Cruz del Mar Pequeña (heute Sidi Ifni) nannte. 1499 folgten Qued Noun, etwa 20 Kilometer südlich von Sidi Ifni, wo sie ein noch heute in Resten erhaltenes Fort errichteten und 1504 sollen sie sich in Agadir niedergelassen haben.

 

Gründung von Mazagan und Mogador

Safi - Civitates Orbis Terrarum

Zeichnung aus dem Jahr 1572 der Stadt Tzaffin, dem heutigen Safi, Georg Braun; Frans Hogenberg: Civitates Orbis Terrarum, Band 1, - Quelle: Wikipedia (Public domain)


Die Portugiesen übernahmen 1474 die Siedlung Massa, besiedelten die Umgebung von Cap Bojador um etwa 1500, begannen 1502 weit im Norden mit der Errichtung der Festung Mazagan (El Jadida - seit 2004 UNESCO - Weltkulturerbe), bauten um 1506 auf einer dem heutigen Essaouira vorgelagerten Insel das Castello Real, gründeten hier einen Hafen, bauten eine Siedlung und umgaben den Hafen und die Siedlung mit 2 Forts und einer stark befestigten Mauer, die auch heute noch gößtenteils vorhanden ist. Die Stadt nannten sie Mogador. Zwei Jahre später, 1508, gründeten sie 150 Kilometer weiter nördlich die Stadt Tzaffin (das heutige Safi), eine Handelsniederlassung als Zwischenstation auf ihrem Weg nach Schwarzafrika und Indien. Von 1508 - 1541 war die Stadt fest in portugiesischer Hand und wurde von einer ca. 3 Kilometer langen Mauer umgeben.

 

Azemmour

Azemmour (1572)

Zeichnung Georg Braun; Frans Hogenberg: Civitates Orbis Terrarum, Band 1, 1572 - Bildquelle: Wikipedia (gemeinfrei)


1513 eroberten die Portugiesen Azemmour und bauten auch hier eine Festung und eine Stadtmauer, von der noch große Teile erhalten sind. Bereits 1486 entstand hier durch portugiesische Kaufleute ein Handelsstützpunkt, um Stoffe, Wolle, Pferde, Fische und Getreide aufzukaufen, die sie weiter südlich gegen Sklaven, Gold und Elfenbein eintauschten. Last but not least errichteten oder übernahmen (?) sie 1505 eine schon bestehende kleine Siedlung von den Spaniern - Santa Cruz (Santa Cruz do Cabo de Aguer) im heutigen Agadir. Es ist bis heute nicht gesichert, ob Spanien bereits 1504 hier eine Siedlung gegründet hatte, aber der Name mit der Bezeichnung des Kap Ghir, das etliche Kilometer weiter nördlich von Agadir liegt, taucht in der Geschichtsschreibung beider Länder auf und ist eng mit der Navigation der Schiffe (Küstenschifffahrt) verbunden.


 

Essaouira - Mogador

Festungsanlage


Wichtig für beide Länder war die große, geschützte Bucht, mehrere Quellen und später für die Portugiesen ein kleines Fort, das zur Absicherung ihres Handelspostens errichtet wurde. Die zuerst von Kaufleuten und Seefahrern angelegte Siedlung wurde 1513 von König Manuel I. von Portugal gekauft und das Fort wesentlich erweitert. Damit beherrschte er die Land- und Seewege in den Sudan und nach Guinea, auf denen Gold und Sklaven transportiert wurden (1.). Weiterhin diente der hier errichtete Hafen auch zum Schutz und zur Proviantierung der Seefahrt, die sich damals hauptsächlich an den Küstenlinien orientierte und sichere Häfen benötigte. Ab 1536 begann die Lage der Portugiesen, die sich ihre kleine Festung am Berghang über dem Hafen erbaut hatten, prekär zu werden. Die Angriffe und Überfälle einzelner Berberstämme nahmen zu.

 

Agadir Ighir

Agadir - Kasbah

Inschrift über dem Hauptportal


Unter der Dynastie der Saadier wurden die Portugiesen 1541 aus Agadir vertrieben. Wenig später wurde mit dem Bau der Kasbah begonnen, die in den folgenden Jahrzenten mehrfach erweitert wurde. Die Kasbah bekam den Namen "Agadir Ighir", was übersetzt bedeutet: Fort über dem Kap, auf einer Anhöhe schulterförmig erbaut (2.). Nach dem Abzug der Portugiesen entwickelte sich der Hafen von Agadir als Handelsmittelpunkt und zog Händler aus ganz Europa an. In der Mitte des 16. Jahrhunderts begann man in der Region um Agadir mit dem Anbau von Zuckerrohr, dass sich sehr schnell zum Exportgut Nr. 1 entwickelte. Ab 1741 bekamen die Holländer diesen Markt unter ihre Kontrolle, was sich bis heute an dem Schild über dem Eingang zur Kasbah ablesen läßt:

VREEST GODENDE EERT DEN KONIG - Fürchtet Gott und ehrt den König.

 

Agadir - Kasbah

Blick von den Mauern der Kasbah auf den deutschen Kreuzer Berlin, der in der Bucht vor Anker liegt - Bildquelle: Wikipedia (gemeinfrei)


Am 1. November 1755 wurde die Kasbah Agadir-Ighir von einem Erdbeben teilweise zerstört (3.). Ab 1773 verlagerte sich der Handel zur weiter nördlich liegenden Stadt Mogador, dem heutigen Essaouira. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts kehrte Ruhe ein und erst das Eintreffen des Kanonenbootes Panther des Deutschen Reiches und zwei weiteren Schiffen 1911 brachte Agadir wieder ins Gespräch. Durch die Unterzeichnung des Vertrages von Féz durch den Sultan Moulay Hafid am 30. März 1912 wurde Marokko unter französisches Protektorat gestellt, das bis 1956 andauerte. Am 29. Februar 1960, in den Nachtstunden des Tages um etwa 23.41 Uhr erschütterte ein Erdbeben der Stärke 5,3 auf der Richterskala Agadir und zerstörte in etwa 15 Sekunden die Kasbah (Agadir Oufella) und das Viertel Talborjt zusammen mit dem europäischen Viertel Ville nouvelle sowie Teile des Hafens. Zwischen 12.000 bis 15.000 Menschen sollen dabei ihr Leben verloren haben.

In den Folgejahren wurde südlich der zerstörten alten Ansiedlung mit internationaler Hilfe eine neue Stadt gebaut. Von der alten Bausubstanz sind nur spärliche Reste erhalten. Die zerstörten und beschädigten Gebäude innerhalb der Kasbah wurden abgerissen und das Gelände planiert. Von der einstigen wunderschönen Kasbah sind nur die Umfassungsmauern erhalten geblieben.

 

Portugiesische Siedlung

Agadir - Park

Jardin d'Olhao - Historischer Park in Agadir


Ein Besuch des historischen Stadtparks Jardin de Olhão in Agadir lohnt sich! So hätte eine kleine Ansiedlung portugiesischer Händler hier in Agadir 1505 aussehen können. Die einzelnen Häuser unterscheiden sich alle durch unterschiedliche Bauweisen, architektonische Elemente, besitzen aber insgesamt einen Gesamtcharakter. Beim Bau der Häuser wurde dem westafrikanischen Klima Rechnung getragen und deshalb viel einheimisches, kunsthandwerkliches Baumaterial verwendet, um der sommerlichen Hitze zu entgehen. Eine Grünfläche mit kleinen Wasserläufen, Gehwege zum Teil über Holzbrücken....

Weitere Informationen zum Jardin de Olhão in Agadir finden Sie hier....!

 

Neue Medina

Agadir - Neue Medina

Coco Polizzi


Am 29. Februar 1960 reichten etwa 15 Sekunden aus, um die historische Altstadt von Agadir total zu zerstören. Das Epizentrum lag genau unter der Medina, so dass kein Stein auf dem anderen blieb. Es gibt heute so gut wie keine Überreste mehr zu besichtigen- bei der obligatorischen Stadtrundfahrt wird daher lediglich der Standort mit Mauerresten gezeigt. Ein Mann aus Italien, genauer gesagt aus Sizilien, hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Altstadt an einem anderen Ort in der Nähe von Agadir originalgetreu wieder zu errichten....

Weitere Informationen zur Neuen Medina von Agadir in Marokko finden Sie hier....!


 

Quellenangabe:


Die Informationen zur Geschichte von Heinrich der Seefahrer basieren auf dem Artikel Heinrich der Seefahrer (19. 09.2012) und stammen aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und stehen unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar. Die Fotodateien unterliegen der Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Unported und dürfen unter deren Bedingungen weitergegeben werden.


1./2./3. Brahim Toufik - Agadir und die legendäre Kasbah - S.3/S.4/S.6 - Agadir 2007

Allain Jean Claude - Histoire du Maroc, Agadir 1911, Paris 1976

 

Fotos Agadir






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